Oradour Ausstellung 31.März - 3. Mai 2025 von Harald Rempt
Gallerie LIST, Unterer Markt 10, Hersbruck
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Link zum Video: Lost Places Nr. 91:
https://www.welt.de/mediathek/serie/technik-und-wissen/sendung249997342/Lost-Places-Folge-91.html
Fotos aus dem französischen Märtyrerdorf Oradour-sûr-Glane
Im Oktober 2024 habe ich Oradour-sur-Glane im Rahmen einer Bürgerreise der Stadt Hersbruck mit Begegnungen der französischen Freunde als Gastgeber anlässlich des 80. Jahrestags des Massakers vom 11. Juni 1944 besucht. Es war zahlenmäßig das größte Massaker der Deutschen in Westeuropa. Bürgermeister Philippe Lacroix und sein Hersbrucker Amtskollege Robert Ilg hatten 2024 zu diesem 80. Jahrestag des Massakers ein Freundschaftsband geschlossen. Lacroix hat Herrn Ilg die Hand gereicht – ein Anfang und eine Annäherung für eine weitere freundschaftliche Entwicklungen.
150 SS-Schergen einer SS-Einheit hatten damals an diesem apokalyptischen Tag das schlimmste Massaker in Oradour verübt, bei dem 643 Männer, Frauen und Kinder brutal und hinterlistig ermordet wurden und 328 Häuser in Schutt und Asche gelegt wurden, die Menschen sind verbrannt worden. Es gab nur wenige Überlebende wie bspw. Robert Hébras den letzten prominenten Überlebenden des Massakers. Er konnte noch über die verübten Gräueltaten als Augenzeuge berichten.
Der französische Staat hat beschlossen, die Ruinen des Dorfes zu erhalten und zum „historischen Monument“ zu ernennen. Heute ist das Märtyrerdorf (village martyr) ein Mahn- und Denkmal der Erinnerung, „Souviens-toi“ (erinnere dich) steht am Eingang und „silence“ (Stille). Keiner der Täter wurde je bestraft. Hat die deutsche Justiz versagt? Sowohl auf deutscher Seite als auch bei den französischen Landsleuten? Nach einer solch brutalen, grausamen und unbarmherzigen Bluttat kann man verständlicher Weise nicht schon von einer Versöhnungsphase sprechen, sondern im Vordergrund steht noch immer das Bedürfnis nach Gerechtigkeit und einer verdienten Strafe für die Täter. Von denen war bei Kriegsende noch gut die Hälfte der Schergen am Leben. Vor einem bundesdeutschen Gericht aber musste sich keiner verantworten. Die Angehörigen der Opfer warteten jahrzehntelang vergeblich auf diese offizielle Anerkennung des Verbrechens. Es ist zu bedenken, dass ja auch nach dem Krieg noch viele führende Personen Positionen in Politik, Justiz und Institutionen mit ehemaligen NS-Funktionären besetzt waren und die Vertuschungspropaganda der NS-Zeit hineinwirkte.
Heute kann man leider noch immer Veröffentlichungen finden, in denenr sektenhaft mit absoluten Überzeugungen und Behauptungen eine Täter-Opfer-Umkehr zur Rechtfertigung des Massakers postuliert wird. In Deutschland mehren sich vor allem im rechten Lager die Rufe nach einem Ende der Vergangenheitsbewältigung. Dr. Andrea Erkenbrecher dazu: „…Ich bin der Überzeugung, dass sich jede Generation neu mit der Vergangenheit auseinandersetzen muss. Es ist ja nicht so, dass die Kinder immun sind gegen Diktatur und Massengewalt, nur weil sich ihre Eltern mal in der Schule mit der Vergangenheit beschäftigt haben. …Einen Schlussstrich wird es nicht (und soll es nicht) geben.“
Von besonderer Qualität war, dass Agathe Hébras, die Enkelin von R. Hébras (inzwischen verstorben) den Rundgang durch das Märtyrerdorfs mit dem geschichtlichen Hintergrund ihres Vaters begleitet hat. Robert Hébras brachte die Ruinen zum Sprechen, seine Freundlichkeit nahm die Menschen ein.
Im Unterschied zu den Dokumentarfotos, die ohne Veränderungen dargestellt werden, habe ich die Fotos vom Ruinendorf (village martyr) aufgenommen und einhergehend unter dem Aspekt meiner Betroffenheit und Berührtheit dramaturgisch bearbeitet. Dieses grausame Massaker läßt die Sprache verstummen (silence), und wird zu Bildern die den inneren Zustand widerspiegeln. Es sind eben nicht nur wichtige Dokumente, sondern vielmehr empfindsame Abbilder der inneren Reflexion die bisweilen ins Bewusstsein aufsteigen. Die Farben sind eben nicht hell und farbig, sondern passend zum Sujet blass und düster gestaltet.
Ein besonderer Dank gilt den Reiseleiterinnen und Organisatorinnen Christl Schäfer-Geiger und Beate Raum, die als bemerkenswerte Übersetzerin die die Geschichte transparent präsentierte. Und Dank auch an den journalistisch exzellenten Klaus Porta mit seinen treffenden Texten und nicht zuletzt der vortrefflichen Frau Dr. Andrea Erkenbrecher, die jahrelang über die Folgen des Kriegsverbrechens geforscht und wissenschaftlich recherchiert hat. Sie hat die Zusammenhänge verständlich aufgearbeitet und hat als Expertin der deutschen Polizei und Staatsanwaltschaft bei dem Versuch geholfen, noch lebende Täter juristisch zur Rechenschaft zu ziehen. Sie hat über die Themen in Oradour aktuell ein gut strukturiertes Buch herausgebracht: „Oradour und die Deutschen: Geschichtsrevisionismus, strafrechtliche Verfolgung, Entschädigungszahlungen und Versöhnungsgesten ab 1949.
Vielleicht mag diese Aufarbeitung des Massakers den Familienangehörigen die damals ihre Angehörigen verloren haben, ein kleiner Trost sein und insbesondere ein Mahnmal der Erinnerung für die zweite Generation sein. Am Eingang der örtlichen Schule zeichnete ein Street-Art-Künstler dieses wichtige Ereignis in einem beeindruckenden Fresko fest. Auf der einen Seite in düsteren Farben gehalten gehen die Mütter mit ihren Kindern gerade in die schon von Flammen umtoste Kirche. Auf der anderen Seite lassen ein Junge und ein Mädchen mit Freude eine Friedenstaube fliegen, umweht von der deutschen und französischen Fahne und unter den Sternen der Europa-Flagge. Auch das 1999 gebaute Centre de la mémoire dient dem Gedenken an das Massaker von Oradour.
Harald Rempt, März 2025
Souvenons-nous et ne nous tairons pas contre les voix de la droite.
Link zum Video: Lost Places Nr. 91:
https://www.welt.de/mediathek/serie/technik-und-wissen/sendung249997342/Lost-Places-Folge-91.html
Infoseite von Harald Rempt: = https://rara-avis-verlag.hpage.com/oradour-ausstellung.html




